Zur Geschichte der Kettle Valley Railway

Die Silberfunde im südöstlichen Zipfel der kanadischen Provinz British Columbia veranlassten die Minengesellschaften gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts zum Bau mehrerer Eisenbahnlinien. Über Jahre wurde der Abtransport des Silbers durch die Täler nach Süden in die USA organisiert. Dem mochten auf Dauer weder die kanadische Eisenbahngesellschaft CPR, noch die Provinzregierung von British Columbia zusehen. 1910 beschlossen sie daher den Bau einer rund 500 Kilometer langen Bahnlinie, die sich in der schwierigen Ost-West-Richtung durch das Okanagan Highland, das Thompson Plateau und die unwegsamen Cascade Mountains winden sollte.

Ein verwegenes Projekt, dessen Verwirklichung sechs Jahre dauern und bis zu 5000 Arbeiter beschäftigen sollte. Mit der Leitung wurde Andrew McCulloch betraut, ein Ingenieur, der sich bei der Realisierung ähnlich schwieriger Projekte einen Namen gemacht hatte. Nicht nur bei der Bewältigung des hufeisenförmigen Myra Canyons hoch über dem Okanagan Lake war McCulloch gefordert. Sein Bravourstück lieferte er in der als unbezwingbar geltenden Coquihalla-Schlucht. Tagelang in einem Korb über dem Canyon hängend, vermass er eine Gerade, in deren Flucht er vier Tunnel in den Granitfelsen sprengen liess. Diesen spektakulären Abschnitt der Othello-Tunnel bei Hope nutzen Filmregisseure gern als Kulisse für spannende Szenen.

Schließlich führte die 1916 fertig gestellte Kettle Valley Railway von Midway nach Hope. Im Zusammenspiel mit anderen Bahnlinien beförderte sie neben Mineralien und Holz auch Fahrgäste von Nelson in den Kootenay-Bergen nach Vancouver am Pazifik. Mitgeführte Eisblöcke kühlten Fruchttransporte aus dem Okanagan Valley und versorgten die Klimaanlagen der Passagierwaggons. Doch bei einem Jahresdurchschnitt von zwölf Metern Schnee in den Cascade Mountains war es nicht verwunderlich, daß Lawinen und Erdrutsche der Bahnlinie arg zusetzten. Nicht nur die immensen Instandhaltungskosten, auch die zunehmende Konkurrenz durch Kraftfahrzeug- und Flugverkehr zwangen die Betreiber seit den Sechzigerjahren, nach und nach alle Abschnitte der Kettle Valley Railway auf zu geben.

Sehr zur Freude von Radfahrern, Wanderern, Reitern und Skilangläufern wurde die stillgelegte Bahnlinie in den Neunzigerjahren in einen "Wildnistrail" umgewandelt. Bis auf einen 16 Kilometer langen Museumsbahnabschnitt bei Summerland am Okanagan Lake sind inzwischen sämtliche Gleise und Schotter entfernt worden. Die Bahntrasse ist nun Herzstück des insgesamt 18.000 km langen Trans Canada Trail in British Columbia, gemäss dem beliebten Motto: "Rails to Trails" (Schienen zu Pfaden).